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Dieser Artikel berichtet, wie der Segler Dierk Bobzin zufällig entdeckt, dass er Eigner der letzten bekannten Eckernförder Quase ist – und wie er nach und nach die Geschichte dieses besonderen Eckernförder Bootstyps rekonstruiert. Erstmalig erschienen ist der Beitrag im Seglermagazin PIEKFALL.

Die Geschichte einer Quase

Bericht von Dierk Bobzin

Es ist das Jahr 1978, ich bin stolzer Besitzer eines alten 20er Jollenkreuzers und habe in den letzten Jahren bereits einige Fahrten von Hamburg aus nach Dänemark unternommen. Frau und Kinder sind vom Segeln nicht so recht begeistert und bezeichnen mich schon als Katastrophenschiffer. Das macht mir zwar nicht besonders viel aus, aber um des lieben Friedens willen soll nun ein Motorboot gesucht werden, um so der Schieflage und der vielen Tüdelei zu entkommen. Ich studiere also unser Anzeigenblatt und finde einen schön billigen Kutter, der zum Verkauf in Laboe steht. Ansehen kostet ja nichts, darum nichts wie hin.

Auf der Werft liegt das besagte Stück – es ist Liebe auf den ersten Blick meinerseits. Schwarz, mächtig und leicht rott ruht der etwas betagte Kahn auf der Slipanlage. Meine Frau will das Boot gar nicht erst näher ansehen, in ihren Augen ist dies ein absolutes Wrack und ein Scheidungsgrund. Ich turne erst einmal an Bord und sehe mir alles genau an. Vorne ein antikes Logis, hinten ein Anbau mit Schiethus, welches direkt in einem dicken Rohr außenbords endet – na ja. Das Ruderhaus ist auch nicht besonders schön. Vom Ruderrad laufen alte Drahtseile quer über das Deck zum Ruder. Rechts geben die Decksplanken schon ein wenig nach, aber man bricht noch nicht ein. Die Verschanzung bröckelt auch schon vor sich hin. Innen ist alles sehr düster und muffig, schmutzige Schnapsgläser liegen auf dem Boden und Farbe blättert überall. Ein eigenartiger Modergeruch liegt in den Räumen. Im Motorraum unter dem Ruderhaus steht ein älterer Hanomag 4-Zylinder, hier sieht man, dass Bastler am Werk waren und den ehemaligen LKW-Motor auf Schiffsbetrieb umgerüstet haben.

Meine Frau schlägt die Augen nach oben, als ich sie frage, ob ich das Boot wohl kaufen solle! Das müsse ich doch selbst wissen, sie würdigt dem „Wrack“ keinen Blick mehr und geht erst einmal spazieren, auch unsere Kinder laufen mit weg. Trotzdem, dieses Boot ist vielleicht ein Schnäppchen, ein echter Seelenverkäufer. Dieses Sonderangebo(o)t kann ich mir nicht entgehen lassen und es wird nach Preisverhandlung gekauft.

Es ist Anfang Frühjahr und nachts noch sehr kalt, aber das Boot muss nun nach Hamburg überführt werden, dazu sind noch einige Vorbereitungen nötig. Die Nacht ist so kalt, dass ich an Bord nicht einschlafen kann und mich an einer eingewickelten Glühbirne wärme. Ein Nachtlager wie in einer Gruft. Der nächste Tag mit Sonnenschein lässt alles schnell vergessen. Mit zwei Kilo Rindertalg schmiere ich bald die gröbsten Leckstellen zu und installiere vorsichtshalber eine Tauchpumpe. Nun erst einmal den Motor ausprobieren, natürlich wird eine neue Batterie gebraucht. Die Maschine springt an und läuft auch hervorragend, – aber nur drei Minuten, dann sitzt sie fest. Dieser Vorgang wiederholt sich ein paarmal, da ist nichts zu machen. Ein Vereinskollege bietet Schlepperhilfe an, dann geht es endlich los. Alles klappt auch prima, mein Sohn hilft mit.

Im NOK müssen wir tanken, aber wir können ja nicht aufstoppen und rammen den Steg. Der Steg bleibt heil, aber mein Gesäß kracht so auf die Kante der Backskiste, dass mir schwarz vor Augen wird. Übernachten ist an der Elbe in Neufeld angesagt, aber wir kommen bei ablaufendem Wasser nicht mehr über die Wattkante und müssen die Flut abwarten. Sehr gemütlich in Neufeld, in der urigen Fischerkneipe wird erst einmal der Durst gelöscht. Der Rest der Reise verläuft dann ohne Probleme.

Nicht SCHWAMMI oder VERSUPER, VIVIKA soll das gute Stück heißen.

Meine Vereinskollegen bedauern mich und machen schon Vorschläge für den neuen Namen. „Schwammi“, „U-Boot“, „Versuper“ usw., aber es soll VIVIKA nach meiner jüngsten Tochter heißen. Die Tauchpumpe muss erst mal bleiben. Jollenkreuzer verkauft und an die Arbeit: Schanzkleid abreißen. An Steuerbord muss eine Planke neu. Beim Anbohren stehe ich natürlich auf der losen Planke, diese wackelt und kippt, ich mache einen Salto rückwärts in die Bille, mit laufender Bohrmaschine. Anscheinend bin ich ein absoluter Schnelltaucher, denn in die Maschine ist kaum Wasser eingedrungen und die Arbeit kann weitergehen, es ist ja Hochsommer und alles trocknet schnell.

Im Herbst wird es noch mal spannend: Als der Kran zupackt, knirscht es mächtig, der Rumpf wird etwas schmaler, bricht aber nicht durch. Geschafft, endlich heil an Land. Nächstes Jahr gibt es viel zu tun. Die Schanz muss samt Stützen neu, und der Rumpf? Ich entscheide mich für ein Totenkleid (glasfaserverstärktes Polyester). Nun die Planken schleifen, der Teer setzt die Schleifscheiben zu, das ist mühsam und gibt schwarze Sommersprossen. In die Plankenübergänge (Klinker) nagele ich Dreikantleisten, damit die Fasermatten nicht zu sehr knicken und sich dadurch lösen. Für die Polyesterarbeiten ist es schon zu kalt, das wird auf den nächsten Sommer verschoben. Aber für die Technik reicht es noch, also die Maschine untersuchen. Nichts zu machen, sie bleibt stehen.

Also erst einmal planen: Maschine, Ruderhaus, Kajüte müssen neu. Niedergang vom Ruderhaus, Durchgang in die Piek und Toilette bei den Kojen anlegen. Jedenfalls ist jede Menge Arbeit in Sicht. Die Maschine wird ausgebaut und zerlegt. Beide Ölpumpen sind von Seewasser zerfressen, mein Vorgänger hat also den Kahn einmal absaufen lassen. Was ist zu tun? Ich entscheide mich für einen anderen Motor, und bekomme von einem Vereinskollegen günstig einen älteren Sechs-Zylinder Daimler. Der Einbau ist nicht einfach, es müssen Hebewerkzeuge gebaut und einiges geändert werden. Der alte Wärmetauscher für die Kühlung arbeitet nicht (Fehlkonstruktion). Ein alter Büssing-Ölkühler funktioniert jedoch prima. Einige Lagen Polyester machen den Rumpf wieder dicht und geben zusätzlich Stabilität.

Quase Vivika auf der Bille während ihres Umbaus zu einem Lustboot ca. 1980.

Nach zwei Jahren ist das Boot einigermaßen fahrbereit und die ersten Probefahrten können unternommen werden. Erstes Aufstoppen und der Propeller ist und bleibt weg – Keil fehlte. Im Sommer ist die erste Reise geplant, mit Familie und Gästen an Bord. Sicherheitshalber fahren wir mit zwei Booten. Das ist auch nötig, vor Travemünde bricht ein Flansch der Schraubenwelle. Getriebe ausbauen, schweißen lassen und weiter. Vor Rudkøbing in Dänemark der gleiche Ärger. Die Ursache: Das Motorfundament muss etwas angehoben werden. Dieser Fehler wird nun beseitigt und es gibt keine größeren Pannen mehr – oh wie schön ist doch die Seefahrt!

In Flensburg ist es auch noch nett. Im Yachthafen können wir nur vorwärts anlegen, das ist schlecht, weil der Bug sehr hoch und weit überhängend ist und man deshalb schlecht von Bord kommt. Als wir abends vom Stadtbummel zurückkommen, muss unsere Bekannte, eine etwas gewichtigere Dame, an Bord. Ich bin oben und ziehe, ihr Gatte steht unten und schiebt. Ich verliere das Gleichgewicht und wir fallen kopfüber ins dunkle Hafenbecken. Die Brille der Dame ist weg und ihre Nase blutet. Wir legen sie erst einmal auf den Steg. Ein großer schwarzer Hund kommt vorbei und leckt ihr das Gesicht. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Wieder zuhause folgen noch weitere Umbauten: neues Ruderhaus, Schanzkleid und Innenausbau. Urlaubsreisen nach Dänemark und Touren auf der Elbe werden unternommen, – nichts Besonderes, alles im Lot auf dem Boot.

Die Geschichte der Vivika wird erforscht

20 Jahre sind vergangen, ich bin inzwischen mehrfacher Großvater. Den Kutter hätte ich beinahe einmal verkauft. Was dieses eigentlich für ein Boot ist, hat mich bisher nicht gekümmert, die Rumpfform ist für einen Kutter jedoch zumindest ungewöhnlich. Bug und Heck hängen weit über und sind stark erhöht. Für Sportboote ist jetzt Registrierungspflicht. Ein wenig ärgert mich, dass ich dafür keine Angaben machen kann. Baujahr unbekannt, Bauwerft unbekannt, usw. Als das Zertifikat erneuert werden muss, beschließe ich Ahnenforschung zu betreiben.

Bekannt ist mir lediglich der Name des letzten Eigners, die neue Adresse herauszufinden, auch kein Problem. Der Herr kennt den Vorbesitzer jedoch nicht mehr und weiß auch nichts über das Boot, außer, dass es einmal einen alten zirka 8 PS Glühkopfmotor besaß, den er verschrottet hat. Dessen Vorbesitzer hat mich 1978 einmal in Laboe angesprochen, er war aus Kiel, seinen Namen habe ich mir jedoch leider nicht geben lassen.

Quase Vivika als Fischkutter Gabriele Anfang der 1960er Jahre in Laboe.
Man beachte die starke Vorstevenneigung der Gabriele im Vergleich zu den anderen Kuttern. Er macht sie als ehemalige Quase erkennbar.

Ich setze also eine Kleinanzeige in die Kieler Nachrichten: „Suche den ehemaligen Eigner des Kutters GABRIELE aus Laboe“. Nach zwei Wochen meldet sich ein Herr, der behauptet, er kenne den Eigner, es sei ein Herr Jürgen Andresen aus Kiel, dann bricht das Gespräch ab. Einen passenden Jürgen Andresen gibt es jedoch nicht, und der Herr, der seinen Namen nicht nannte, ruft nicht wieder an. Drei Wochen später meldet sich aber eine nette Dame, sie ist die „Gabriele“, nach der das Boot benannt war. Sie sendet mir drei sehr schöne Fotos von dem Boot aus den 60er Jahren, wie es zuletzt als Fischkutter ausgesehen hat. Leider ist die Registriernummer schon entfernt, aber die Bilder helfen weiter.

Ich nehme also die Bilder und frage alte Fischer in Laboe und Möltenort. „Ja, das Boot kenne ich, ich kenne hier alle Boote“, war oft die Antwort, leider alles Seemannsgarn. Ich hatte nun acht verschiedene Geschichten und kam nicht weiter. Ich dachte so bei mir: „Dat hesst du ook weeten kunnt, wenn du keen Platt snackst, denn verteilt se di een von’t Pierd.“ Der älteste Fischer in Laboe, Herr Jahn, versucht sich zu erinnern, aber er meint, dass die Boote alle ähnlich aussahen, und kann hier auch nicht helfen. Aber er kann mir jedoch einige interessante Geschichten aus der Fischerei erzählen.

Da mein Kutter 10,98 m lang ist, kommt in Laboe laut Almanach nur LAB 28 von Johannes Paulsen in Frage (falls der Kutter vor dem 2. Weltkrieg in Laboe registriert war). Dieser Kutter, sagt Herr Jahn, sei vor dem Krieg nachts mit dem Kieler Fährdampfer in der Hafeneinfahrt kollidiert und gesunken. Fischer Jahn ist auch einige Jahre als Macker von Hannes Paulsen gefahren. Auch ein anderer Fischer kann sich noch erinnern, dass der Mast noch lange aus dem Wasser ragte. Wie ich später ermittelte, muss dies 1938 passiert sein, da LAB 28 1939 aus der Schiffsliste gestrichen wurde. Grund des Unfalls war laut Herrn Jahn, dass Hannes Paulsen ohne Positionslichter fuhr, um sein Fanggebiet nicht zu verraten.

Das Studieren der Schiffslisten ist auch sonst noch interessant, da es Aufschluss über die Entwicklung und die Situation der Fischerei gibt. Manchmal stand ein Fischer sicher vor dem Ruin, dann war als Eigner z. B. für ein oder zwei Jahre „Reichsfiskus“ eingetragen. Auf einer alten Ansichtskarte von der Kieler Fischauktionshalle von ca. 1930, aus dem Buch „Die Ostseeküste auf alten Ansichtskarten“, ist mein Kutter eindeutig zu erkennen, er besaß noch Mast und Segel. Das heißt, das Boot muss aus dieser Gegend stammen und ist älter als ich dachte. Über Hafen- und Fischereiamt in Laboe komme ich nicht weiter, ebenso wenig in Kiel. Die alten Akten des Fischereiamtes sind jetzt im Landesarchiv in Schleswig. Eine Anfrage dort ist auch erfolglos, man hatte nach vier Wochen nichts gefunden, weder über das Register, noch über eine Seeamtsverhandlung von der Havarie.

Nun beginne ich erst einmal alles über alte Fischereifahrzeuge der Ostsee zu sammeln und suche in Archiven vom ehemaligen Altonaer Fischereimuseum und im Kieler Stadtarchiv, finde jedoch nichts Brauchbares. In einem Antiquariat ergattere ich einen Seefischerei-Almanach von 1912, den Almanach von 1932 hatte ich bereits. Hieraus geht hervor, dass die alten Segel-Fischereifahrzeuge in Schleswig-Holstein „Quasen“ hießen und Gaffeltakelung mit Toppsegel, Fock und Klüver trugen und wie die alten Kutter, die ich von früher kannte, mit einer Bünn ausgerüstet waren.

Was können das bloß für merkwürdige Viecher sein, die „Quasen“, die anscheinend keiner kennt? Literatur über Quasen scheint es auch nicht zu geben. Der frühere Kustos des Altonaer Museums, Gerhard Timmermann, schreibt in seinem Buch „Die nordeuropäischen Seefischereifahrzeuge“ von 1962: „Wann und wo diese Fahrzeuge entstanden sind, ist nicht mehr zu ermitteln.“ Bilder sind auch nicht aufzutreiben. All diese Erfahrungen haben mich erst recht neugierig gemacht, und ich denke nicht daran aufzugeben.

Als unbedarfter Hobbyhistoriker muss man erst einmal lernen, wie und wo man sucht und was und wem man glauben darf. Herr Dr. Meier-Friese vom Altonaer Museum setzt mich erst einmal gehörig auf den Pott, weil ich wohl zu zaghaft und dämlich gefragt hatte. Ich nahm mir vor, von nun an ganz zielstrebig und logisch vorzugehen und genau zu recherchieren. Was Quasen sind, ist anscheinend auch nicht klar.

Auszüge aus Lexika und Fachliteratur

Meyers Konversationslexikon von 1890: Quase (Quatze): Fischerfahrzeug von 10–25 Registertons mit durchlöchertem Boden für den Fischtransport in Schleswig-Holstein;

Lexikon der gesamten Technik, Otto Lüger, von 1904: Quatze: Ein Fischerfahrzeug an der deutschen Ostseeküste, das zur Aufnahme der Fische einen abgeschotteten Raum enthält, dessen Boden die durchlöcherte Schiffshaut bildet. Neuerdings sind die Quatzen zur Fortbewegung mit Maschinenkraft versehen (Dampfquatzen), und hieraus haben sich die modernen Fischdampfer entwickelt.

Deutscher Seefischerei-Almanach für 1912: Unter Quasen werden hier Fangfahrzeuge mit Bünn verstanden. Die Größe der Quasen ist seit Einführung des Motors gestiegen, sie sind bis gegen 40 cbm brutto groß geworden. Sie haben in der Regel Gaffeltakelung mit Fock und Klüver. Die Motorquasen sind halb, die Segelquasen sind ein viertel gedeckt oder offen. Die Boote sind kleiner als die Quasen, sie führen Sprietsegel. (Laut Almanach sind Quatzen Handelsfahrzeuge in Pommern, z. B. in Wollin, also andere Fahrzeuge.)

Deutscher Fischerei-Almanach 1929 (Kroger, Altona, 1. Ausgabe nach dem 1. Weltkrieg): Die Bezeichnung Quase tritt nicht mehr auf. Neue Bezeichnung: Kutter, Motorkutter, Boot.

Das große Buch der Schiffstypen (Dudszus/Köpcke): Quase: Ein noch bis Ende des 19. Jahrhunderts besonders in der Kieler und Flensburger Förde gebräuchliches zwei- bis dreimastiges Fischerfahrzeug von 9 bis 10 m Länge und etwa 3 m Breite mit Sprietsegeln, seltener mit Gaffelsegeln; (dazu ein Bild von der typischen Quase, die offensichtlich ein dreimastiges Waadboot darstellt)

Zur Geschichte der Quasen

Wer hat nun Recht? Ich denke der Seefischereiverein, denn auf seine Veranlassung sind die Quasen einst gebaut worden. Quatzen sind die Handelstransportfahrzeuge mit Bünn, die bei marktfernen Fischern die Fänge kauften und an die Märkte lieferten. Sie sind wesentlich größer und mit Quasen nicht zu verwechseln. Sie werden in alten Berichten auch „Aufkäuferquasen“ genannt.

Trotz fehlender Literatur ist die Geschichte der Quasen, den ersten Ostseefischkuttern, doch noch weitgehend zu ermitteln, da es in den vielen Veröffentlichungen des Seefischereivereins zahlreiche Hinweise gibt. Dieser Verein wurde am 3.1.1870 gegründet, mit dem Verein begann damals der Aufschwung in der Fischerei, die zu dieser Zeit nur vom Ufer aus und in Küstennähe stattfand und kaum die Fischerfamilien ernährte. Hierzu waren bessere Geräte, Fangfahrzeuge und neue ertragreichere Fangmethoden nötig. Ebenso mussten in der Vermarktung neue Wege gegangen werden.

Fischereidirektor Heins

Die alte Methode, die Fische in von kleinen Booten nachgeschleppten Fischkästen (Hütfässern) zu transportieren, eignete sich nicht für die Küsten- und Seefischerei. So entstanden Quasen ca. 1865 aus den großen Booten, die nachweislich mindestens seit 1808 von Eckernförder Werften gebaut wurden (Jacob Christopher Arffe, H. J. Glasau, F. J. C. Glasau). Die Bünn war hier bereits von der dänischen Handelsquase her bekannt, und es war sicher der Fischereidirektor F. G. W. Heins in Schleswig, dem diese Entwicklung zu verdanken ist.

Herr Heins stiftete das große Fischereimuseum in Kopenhagen (Schloss Christiansborg) und das kleine Fischereimuseum im Schloss Gottorf (es existierte mindestens von 1857–1869). Neue Fangmethoden und Geräte beschrieb er in der Schriftenreihe „Für Fischer und Landsleute“.

Die ersten Quasen waren offene Boote von 9 bis 12 m Länge und bis zu 3,3 m Breite. Diese neuen Boote erhielten eine Mittelbünn, drei Sprietsegel und Klüver sowie einen Balkenkiel zur Verminderung der Abdrift. Später (ab 1884) begann man in Eckernförde die Boote auf Gaffelsegel (Klüver, Fock, Gaffelgroßsegel) mit Giekbaum und Gaffeltoppsegel umzutakeln, da die großen Sprietbäume beim Fischen schwer zu handhaben waren. Als die Fangreisen nun auch weit auf die Ostsee gingen, wurden viele Boote mit Viertel- oder Halbdeck und einem Logis im Vorschiff versehen.

Um diese Zeit ging man auch dazu über, statt des Balkenkiels die Boote auf Sohlkiel und mit Mittelschwert zu bauen, da wenige Schutzhäfen vorhanden waren. So konnte man die Boote besser an Land ziehen. Achtern erhielten die neuen Boote außerdem, wegen der hier neu eingeführten Treibnetzfischerei, einen kleinen Treibermast mit Gaffelsegel.

Der Eckernförder Segelclub veranstaltete 1901 eine Fischerbootregatta, von der es einen Bericht des Seefischereivereins mit Fotos gibt (siehe Extra-Bericht). Hier sind die Fischerboote der Schleswiger Ostseeküste, vom letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts, gut zu sehen. Es wurde in drei Klassen gesegelt, nämlich Schwertquasen, Kielquasen und Waadboote. Schwertquasen sind äußerlich kaum von den heute besser bekannten Zeesenbooten aus Mecklenburg-Vorpommern zu unterscheiden, haben jedoch ein Steckschwert.

Andreas Hinkelmann
Das Boot wird an Johannes Paulsen verkauft. Anzeige im Fischerboten, Oktober 1909.

Ab ca. 1884 wurde Herr A. Hinkelmann Oberfischmeister in Kiel, ihm sind viele Berichte zur Situation der Fischerei in Schleswig zu verdanken. Die Einführung der Quasen muss damals ein ähnlicher Fortschritt gewesen sein wie später die Motorisierung (siehe Prof. Henking 1928). Herr Hinkelmann schreibt 1885 in einem Artikel über den Goldbuttfang (Scholle): „Ich sehe noch die erste Quase, wie sie mit Fischen aller Art reich beladen zum ersten Male vom Fangorte in Sicht kam und dabei, vermöge ihres scharfen Baues und ihrer Stabilität, eine Fahrt beim Kreuzen entwickelte, daß alle in der Nähe befindlichen Fahrzeuge weit zurückblieben. Fische und deren Beförderung derselben an die Märkte. Mehr verlangte man nicht, denn das Fangen war ja die größte Kleinigkeit.“

Um die Seetüchtigkeit der Fangfahrzeuge zu erhöhen, begann man in dieser Zeit die größeren Boote einzudecken, um im Herbst vor Fehmarn auf Heringsfang zu gehen, wie die Dänen es bereits vorgemacht hatten. Ab 1902 begann in Schleswig-Holstein die Motorisierung der Fischereifahrzeuge mit englischen und dänischen Motoren. Ab 1909 standen deutsche Motoren für die Fischerei zur Verfügung und es wurden allmählich alle Fahrzeuge damit ausgerüstet. Wegen der geringen Leistung dieser Maschinen wurde jedoch bis zirka 1930 noch unter Segeln gefischt. Aber bei Flaute und allen Arbeiten am Netz war der Motor eine echte Hilfe.

Nach dem 1. Weltkrieg verschwand auch die Bezeichnung Motorquase für diese Boote. Für alle größeren Fahrzeuge bürgerte sich die Bezeichnung Kutter ein. Außer dem Motor erhielten die Boote der Kieler Förde Innensteuerung, Ruderhaus und Schanzkleid. Der Klüverbaum fiel weg oder wurde lose mitgeführt. Die ehemaligen Segelquasen wirkten nach dem Umbau wesentlich größer.

1898 gab es in Schleswig-Holstein noch 489 Quasen. Um 1960 wurden die letzten abgewrackt und es ist ein glücklicher Zufall, dass wenigstens noch ein Boot erhalten ist, so ist doch noch ein Stück norddeutscher Landesgeschichte nicht für immer verloren. Bis 1999 fuhr mein Kutter als Motorboot.

Wieder unter Segeln

Quase Vivika 2004 mit einem neuen, dem Original nachempfundenen Rigg.

Sehr angetan war ich auch von Gerd Bükers Artikeln in Piekfall 32/33 über die Suche nach der SH.-Quase, auf der ich, wie sich nun herausstellt, seit 20 Jahren mit dem Mors sitze. Nun musste ich aber auch wissen, wie die SH-Quase segelt. Den Urzustand wieder herstellen will ich natürlich nicht, denn auf etwas Komfort mag ich nicht verzichten. Die Bäume ließ ich mir anfertigen, stehendes Gut und Beschläge machte ich selbst. Den Segelriss ermittelte ich aus dem Foto von der Fischerbootregatta und fuhr zu Paul Seilmoker nach Finkenwerder. Ich war begeistert, Paul kannte sich aus und machte mir richtig feine Segel. Beim Einschlagen der Kauschen musste ich helfen, denn das musste schnell gehen, da sich die Augen sofort wieder zusammenziehen, und dann soll die Kausch sitzen. Paul hatte trotz seiner fast 93 Jahre alles im Griff, nur vier Hände hat er natürlich auch nicht.

LAB 28

LAB 28 / GABRIELE

Allgemeines
Name GABRIELE / VIVIKA
Fischereikennzeichen LAB 28
Typ Quase
Baujahr ca. 1870
Bauwerft vermutlich Glasau, Eckernförde
Bauweise Eiche-Klinker
Ehemaliger Heimathafen Laboe
Status Rumpf erhalten, anzusehen im Museumshafen Probstei
Technische Daten
Länge 10,98 m
Breite 3,30 m
Tiefe 1,70 m
Tiefgang 1,00 m
Spantenweite 2 Fuß
Plankenstärke 1 Zoll
Plankenhöhe 1 Fuß
Planken Eiche-Klinker, vorn, achtern und unten in Sponung
Nietung Kupfer
Plankengänge 10
Segelfläche 176 m²
Kiellänge 8,25 m
Kiellänge vor Motorisierung 7,50 m

Nächsten Sommer sollte angesegelt werden, Stefan, mein Schwiegersohn kam mit. Von Neustadt aus wollten wir die ersten Erfahrungen sammeln. Stefan begriff schnell, worauf es ankam und packte tüchtig zu. Ich merkte, das Gaffelsegeln ist doch nicht so einfach, denn viele Kniffe und Tricks sind nötig. In Neustadt fanden wir ein ausgezeichnetes Buch: „Oldtimersegeln“ von Tom Cunliffe, das passte gut. Abends studieren und tagsüber probieren. Nun kamen wir einigermaßen klar und eroberten die Lübecker Bucht. Der Wind war ganz ordentlich, und zu unserer Freude lief das Boot unter Segeln ausgezeichnet. Während wir unter Motor immer ordentlich zu Kehr gegangen waren, laufen wir jetzt ruhig wie Oma Deiters beim Milch holen.

Mutig geworden meldeten wir uns für das nächste Jahr zum Captain’s Cup in Lübeck an. Klappte auch alles gut, bis zur Regatta. Dass wir noch keine Weltmeister waren, war uns längst klar, aber dabei sein ist alles. Beim Start vor Brodten ging es schon los, die Mastringe waren zu knapp und das Groß war nicht hinauf zu bekommen. Endlich mit zwei Reffs waren wir startklar, aber das Startschiff war längst weg und das Feld am Horizont fast verschwunden. „Nu gib aber Schubrakete“, meinte Stefan. Inzwischen waren aus den angesagten 0–2 Windstärken zirka 5 mit Böen geworden, das war gerade richtig, denn bis Pelzerhaken, wo als Wendemarke das Museumsfeuerschiff FEHMARNBELT lag, hatten wir das Feld ein- und vier Boote überholt.

Hier sollte als Aufgabe ein Maisbeutel an das längsseits liegende Startschiff übergeben werden, von uns aus in Lee, das wurde knapp. Ich dachte, das wird ein Volltreffer, aber wir kommen vorbei. Man konnte aber auch keinen Hut mehr durchwerfen und der Beutel brauchte nur noch fallengelassen zu werden. Von Bord des Feuerschiffes gab es tosenden Beifall, keiner ahnte unser Anfängerglück. Vor dem Ziel erhielten wir von einem Motorboot die Anweisung, die Untiefentonne steuerbord zu lassen, waren aber nicht sicher, ob wir das richtig verstanden hatten, denn zwei Kutter vor uns blieben backbord, und die hatten ja sicher Funk. Wir also hinterher, das war aber verkehrt, denn bald sahen wir die Ziellinie an Steuerbord vorbeirauschen – egal.

Dann wurde es aber doch noch ungemütlich, denn da wir das Beidrehen noch nicht geübt hatten, wollten wir unter Motor Segel bergen. Wegen des Windes ließ sich das Großsegel kaum dichtholen und auch nicht Kurs halten. Plötzlich gaben die Wanten nach und der Mast fing an zu tanzen. Nun aber fix die Plünnen runter und die Wanten mit zwei Stroppen sichern – gerade noch mal gut gegangen. Der Rest war ein Kinderspiel. Wir ließen uns die gute Laune nicht verderben und feierten erst einmal in Lübeck mit. Das Mastband war abgerutscht, weil zwei dicke Bolzen brachen, das gab Probleme beim Mastlegen, aber auch das haben wir geregelt. Uns hat diese Reise sehr viel Spaß und Erfahrung gebracht. Ich kann jetzt nachvollziehen, was Oberfischmeister Hinkelmann, selbst einst Fischer in Eckernförde, einst vor 130 Jahren über Schleswig-Holsteiner Fischerquasen und ihre hervorragenden Segeleigenschaften berichtet hat.

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